Monday, July 24, 2006

Natürliche Eliten, Intellektuelle und der Staat

Vor kurzem veröffentlichte Professor Hans Hermann Hoppe einen Aufsatz mit dem Thema "Natural Elites, Intellectuals, and the State". Ich bringe hier eine von mir gekürzte und ins Deutsche übersetzte Fassung:


Es gibt zwei Theorien über die Entstehung der Staaten. Die exogene Theorie, verbunden mit Franz Oppenheimer, Alexander Rüstow und Albert Jay Nock, geht davon aus, daß Staaten als Ergebnis von militärischen Eroberungen entstanden.

Aus historischen wie theoretischen Gründen wurde diese Sicht scharf kritisiert, da sie chronologisch falsch ist und theoretisch darunter leidet, daß eine Eroberung eine staatenähnliche Organisation bei den Eroberern voraussetzt. Daher ist eine endogene Theorie des Ursprungs des Staates nötig.

Laut einer solchen, von Bertrand de Jouvenel präsentierten Theorie sind Staaten die Folge natürlicher Eliten. Natürliche Eliten. In jeder Gesellschaft erhalten einige Individuen aufgrund ihres Talents den Status einer Elite. Diese Individuen besitzen eine natürliche Autorität. Aufgrund selektiver Paarung, Ehe und den Gesetzen bürgerlicher und genetischer Vererbung werden diese Positionen natürlicher Autorität wahrscheinlich innerhalb einiger adliger Familien weitergereicht. An die Oberhäupter dieser Familien wenden sich die Menschen mit ihren Konflikten und Beschwerden. Diese Führer der natürlichen Elite handeln als Richter und Friedensstifter.

Der kleine, aber entscheidende Schritt beim Übergang zum Staat besteht genau in der Monopolisierung der Funktion des Richters und Friedensstifters durch ein Mitglied der anerkannten natürlichen Elite. Das erklärt im übrigen, weshalb die Menschheit, wenn sie unter Regierungen gelebt hat, die meiste Zeit ihrer Geschichte nur Monarchieen gekannt hat. Die wenigen (demokratischen) Ausnahmen vor dem Ende des Ersten Weltkrieges waren ebenfalls elitär.

Von dem Augenblick der Monopolisierung der Richter- und Friedensstifterfunktion wurden Recht und Rechtsdurchsetzung teurer. Statt uraltes Privateigentumsrecht aufrechtzuerhalten und universale und unveränderliche Rechtsprinzipien anzuwenden, würde der monopolistische Richter das existierende Recht zu seinem eigenen Vorteil pervertieren.

Wie war dies möglich? Andere Mitglieder der natürlichen Elite würden jedem Versuch dieser Art Widerstand leisten. Dies ist jedoch der Grund, weshalb die Könige sich üblicherweise mit dem „Volk“ oder dem „Mann auf der Straße“ verbündete. Er versprach dem Volk billigere und bessere Justiz, wenn er die Bessergestellten (die Konkurrenten des Königs) im Gegenzug besteuerte. Zweitens nahmen Könige die Hilfe von Intellektuellen in Anspruch.

Abgesehen ovn der Kirche waren die Mitglieder der natürlichen Elite die einzigen Menschen, die die Dienste der Intellektuellen nachfragten – als Lehrer für ihre Kinder, persönliche Berater, Sekretäre und Bibliothekare. Die Beschäftigung von Intellektuellen war unsicher und die Bezahlung normalerweise gering. Da die Mitglieder der natürlichen Elite selbst nur selten Intellektuelle waren, aber normalerweise ebenso intelligent wie ihre intellektuellen Angestellten, hatten sie nur eine bescheidene Achtung vor den Errungenschaften „ihrer“ Intellektuellen.

Die Intellektuellen, die sehr an einem übertriebenen Bildnis von sich selbst litten, ärgerten sich sehr hierüber. Daher konnten Intellektuelle leicht von einem König, der sich als Monopolist der Justiz etablieren wollte, für sich gewonnen werden. Die Verbesserung der Position der intellektuellen Klasse war jedoch nur bescheiden. Es gab erheblichen Widerstand gegen jegliche Ausweitung der Macht des Königs, nicht nur seitens der natürlichen Elite, sondern auch im Volk, und somit blieben die Beschäftigungsmöglichkeiten der Intellektuellen höchst beschränkt.

Ein fundamentaler Wandel in der Beziehung zwischen dem Staat, natürlichen Eliten und Intellektuellen fand erst mit dem Übergang von der monarchistischen zur demokratischen Herrschaft statt. Der inflationierte Preis der Justiz und die Pervertierung uralten Rechts durch Könige als monopolistische Richter und Firedenstifter löste die historische Opposition gegen die Monarchie aus. Aber es gab eine Verwirrung im Hinblick auf die Ursachen dieses Phänomens. Jene, die korrekterweise erkannten, daß das Monopol das Problem war, waren jenen bei weitem zahlenmäßig unterlegen, die fälschlicherweise den elitären Charakter des Herrschers als Problem verantwortlich machten.

Ironischerweise wurde der Monarchismus von den selben gesellschaftlichen Kräften vernichtet, die von den Königen anfangs angeregt und in Anspruch genommen wurden, als sie konkurrierende natürliche Autoritäten vom Richteramt ausschlossen: Der Neid Menschen des Volkes auf die Bessergestellten, und der Wunsch der Intellektuellen nach einem angeblich verdienten Platz in der Gesellschaft. Als das Versprechen des Königs besserer und billigerer Justiz sich als leer herausstellte, wandten Intellektuelle die zuvor von den Königen gepflegten egalitären Empfindungen gegen die monarchistischen Herrscher selbst. Könige sollten gestürzt werden und die egalitäre Politik ihrer letzten Schlußfolgerung zugeführt werden: der monopolistischen Kontrolle der Justiz durch den Mann auf der Straße.

Als das System privaten Regierungseigentum – ein privates Monopol – von einem System öffentlichen Regierungseigentums – ein Monopol in öffentlichem Eigentum – ersetzt wurde, stieg der Preis der Justiz in astronomische Höhen, während die Qualität des Rechts ständig verfiel.

Demokratisierung hat dort zum Erfolg geführt, wo Könige nur einen bescheidenen Anfang machten: bei der letztlichen Zerstörung der natürlichen Elite und des Adels. Die Vermögen großer Familien sind mittels konfiskatorische Steuern während des Lebens und zum Zeitpunkt des Todes verschwendet worden. Die Tradition der wirtschaftlichen Unabhängigkeit, der intellektuellen Weitsichtigkeit, und der moralischen und geistigen Führerschaft dieser Familien ist verschwunden und vergessen.

Heute gibt es reiche Menschen, aber öfter als nicht verdanken sie ihr Vermögen direkt oder indirekt dem Staat. Ihr Verhalten ist nicht von Tugend, Weisheit, Würde oder Geschmack bestimmt, sondern eine Spiegelung der selbem proletarischen Massenkultur der Gegenwartsorientierung, des Opportunismus und des Hedonismus, die die Reichen und Berühmten nun nun mit allen anderen teilen. Folglich – und dankenswerterweise – sind ihre Meinungen aus Sicht der Öffentlichkeit nicht mehr gewichtiger als die anderer Menschen.

Obwohl es pervers ist, nicht jenseits des eigenen Lebens zu denken, ist solches Denken jetzt typisch geworden. Statt die Proletarier zu adeln, hat die Demokratie die Eliten proletarisiert und das Denken und die Urteilsfähigkeit der Massen systematisch pervertiert.

Auf der anderen Seite haben die Intellektuellen eine führende und mächtige Position in der Gesellschaft übernommen. Tatsächlich haben sie weitgehend ihr Ziel erreicht und sind die herrschende Klasse geworden, die den Staat kontrolliert und als monopolistischer Richter funktioniert. Damit ist nicht gesagt, daß alle demokratisch gewählte Politiker intellektuelle sind. Aber selbst die Nicht-Intellektuellen sind das Produkt der Indoktrination durch steuerfinanzierte Schulen, Universitäten und öffentlich beschäftigten Intellektuellen, und fast alle ihre Berater werden dieser Gruppe entnommen.

Die wenigen Verbliebenen der alten Elite können sich finanziell keine Intellektuellen mehr leisten. Statt dessen sind Intellektuelle jetzt üblicherweise öffentlich Bedienstete, selbst wenn sie für dem Namen nach private Institutionen oder Stiftung arbeiten. Von der Launenhaftigkeit der Konsumentennachfrage fast vollständig geschützt, ist ihre Zahl dramatisch gestiegen und ihre Bezahlung im Durchschnitt weit oberhalb ihres echten Marktwertes. Gleichzeitig ist die Qualität ihrer intellektuellen Produktion ständig gefallen.

Das meiste ist irrelevant und unverständlich. Schlimmer noch, soweit die Produktion der Intellektuellen überhaupt relevant und verständlich ist, ist sie auf bösartige Weise etatistisch.

Das scheinbar unaufhaltsame Treiben in Richtugn Etatismus wird durch das Schicksal der sogenannten Chicago School illustriert: Milton Friedman, seine Vorgänger, und seine Nachfolger. In den 1930er und 1940er Jahren zählte die Chicago School noch zum linken Rand. Heute, ein halbes Jahrhundert später, betrachtet man die Chicago-Friedman-Schule als Rechts und Pro-Marktwirtschaft. Ein weiterer Indikator ist die Wahlstatistik: Je länger ein Mensch sich in Bildungsinstitutionen aufhält, jemand mit einem Doktortitel zum Beispiel, verglichen mit ejemandem mit einem Bachelor of Arts, desto wahrscheinlicher ist es, daß dieser Mensch ideologisch ein Etatist sein wird und die [amerikanischen] Demokraten wählen wird. Je höher, darüber hinaus, die Menge an Steuergeldern, die für die Finanzierung der Bildung verwendet werden, desto niedriger werden die Ergebnisse der Schuleignungsteste und ähnliche Maße intellektueller Leistungen ausfallen, und, so vermute ich, noch niedriger werden die traditionellen Maßstäbe moralischen Verhaltens und der Höflichkeit fallen.

Es muß erkannt werden, daß die Lage kaum für immer andauern kann. Vielleicht wird man auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch warten müssen, bis es zum Wandel im gegenwärtigen etatistischen Trend kommt. Aber selbst im Fall eines Zusammenbruchs ist etwas anderes nnötig. Ein Zusammenbruch würde nicht automatisch zu einem Rückbau des Staates führen. Die Lage könnte schlimmer werden.

Was neben einer Krise notwendig ist, sind Ideen – einwandfreie Ideen – und Menschen, die fähig sind, sie zu verstehen und umzusetzen, wenn einmal die Gelegenheit auftaucht. Aber wenn der Verlauf der Geschichte nicht unausweichlich ist (und er ist es nicht), dann ist eine Katastrophe weder notwendig noch unausweichlich. Wenn einwandfreie Ideen in der öffentlichen Meinung übernommen werden und die Oberhand gewinnen, muß eine Katastrophe überhaupt nicht passieren.

Damit komme ich zur Rolle, die die Intellektuellen in der notwendigen radikalen und fundamentalen Wandlung in der öffentlichen Meinung spielen müssen, und zur Rolle, die Mitglieder der natürlichen Elite, oder was von ihr übrig ist, ebenso spielen müssen.

Die Herrschaft öffentlich bediensteter Intellektueller kann nur von anti-intellektuellen Intellektuellen gebrochen werden. Glücklicherweise werden die Ideen der individuellen Freiheit, des privaten Eigentums und der Verantwortung, der Regierungsmacht als primärer Feind der Freiheit und des Eigentums, nicht aussterben, solange es die Menschheit gibt, einfach weil sie wahr sind und die Wahrheit sich selbst genügt. Darüber hinaus werden die Bücher vergangener Denker, die diese Ideen zum Ausdruck brachten, nicht verschwinden. Es ist jedoch auch notwendig, daß es lebende Denker gibt, die solche Bücher lesen und die sich an diese Ideen erinnern, sie widergeben, anwenden, schärfen, und vorantreiben können, und die willens und in der Lage sind, ihnen einen persönlichen Ausdruck zu verleihen und ihre intellektuellen Kollegen offen widersprechen, angreifen und widerlegen.

Von diesen zwei Voraussetzungen – intellektuelle Kompetenz und Charakter – ist die zweite wichtiger, insbesondere in dieser Zeit. Die meisten etatistischen Intellektuellen irren nicht einfach. Oft sagen und schreiben sie Dinge, von denen sie wissen, daß sie falsch sind. Es mangelt ihnen nicht an Intelligenz, es mangelt ihnen an Moral. Das wiederum bedeutet, daß man bereit sein muß, nicht nur Unwahrheit zu bekämpfen, sondern auch Bösartigkeit – und das ist eine Aufgabe, die schwieriger ist und mehr Wagemut voraussetzt. Zusätzlich zum besseren Wissen braucht man Mut.

Als anti-intellektueller Intellektueller kann man erwarten, Bestechungsgeschenke angeboten zu bekommen – und es ist erstaunlich, wie leicht einige Menschen korrumpiert werden können: einige hundert Dollar, eine nette Reise, ein Fototermin mit den Mächtigen reichen allzuoft aus, daß sich Menschen verkaufen. Solche Versuchungen müssen als verachtenswert zurückgewiesen werden. Darüber hinaus muß man bereit sein, wenn man Bösartigkeit bekämpft, zu akzeptieren, daß man wahrscheinlich niemals „erfolgreich“ sein wird. Es gibt keine Reichtümer, keine großartigen Beförderungen, kein berufliches Prestige. Tatsächlich sollte intellektueller „Ruhm“ mit großem Argwohn betrachtet werden.

Hier kommt das ins Spiel, was von der natürlichen Elite übrig geblieben ist. Wahre Intellektuelle, wie Mises und Rothbard, waren nicht zum Schweigen verurteilt. Sie lehrten und veröffentlichten weiterhin. Sie sprachen ein Publikum an und inspirierten Menschen mit ihrem Scharfblick und ihren Ideen. Das wäre ohne die Unterstützung anderer nicht möglich gewesen. Mises hatte Lawrence Fertig und den William Volker Fund, die ihm sein Gehalt an der NYU zahlten, und Rothbard hatte das Ludwig von Mises Institute.

Wer aber kann es sich heutzutage leisten, Intellektuelle privat zu finanzieren? Und jene, die es können, sind öfter als nicht tief mit der immer korrupteren Allianz zwischen großer Regierung und Großindustrie verwoben und fördern die selben intellektuellen Kretins, die die etatistische akademische Welt beherrschen.

Daher kann die Aufgabe, die Wahrheiten des Privateigentums, der Koalitions- und Trennungsfreiheit, der persönlichen Verantwortung, und die Bekämpfung von Unwahrheiten, Lügen, und der Bösartigkeit des Etatismus, des Relativismus, der moralischen Korruption und der Verantwortungslosigkeit zu unterstützen, heutzutage nur gemeinsam durch die Sammlung von Ressourcen unternommen werden, und durch Unterstützung von Organisationen wie das Mises Institute.

Sicher, die erste Verpflichtung eines jeden anständigen Menschen ist sich selbst und seiner Familie gegenüber. Er sollte – auf dem freien Markt – so viel Gled erwirtschaften, wie es ihm möglich ist, denn je mehr Geld er verdient, desto nützlicher ist er seinen Mitmenschen gewesen.

Aber das ist nicht genug. Ein Intellektueller muß der Wahrheit verpflichtet sein, ob sich das kurzfristig auszahlt oder nicht. Entsprechend sollten Mitglieder der natürlichen Elite Verpflichtungen haben, die weit jenseits ihrer selbst und ihren eigenen Familien reichen. Im Gegenzug erhalten sie intellektuelle Inspiration, Nahrung und Kraft, ebenso wie das Wissen, daß ihr Name für immer bestehen wird als hervorragende Individuen, die über die Masse hinauswuchsen und der Menschheit einen Dauerhaften Beitrag leisteten.

Selbst wenn wir zu unseren Lebzeiten den Triumph unserer Ideen nicht sehen werden, werden wir wissen, und ewig stolz darauf sein, daß wir unser bestes getan haben, und daß wir getan haben, was jeder ehrliche und edle Mensch getan tun mußte.

2 Comments:

Blogger angelsächsisch-liberal said...

Ich habe den Artikel bei Mises.org gelesen. Der Text hat auch mich klassischen Minimalstaatler inspiriert.

Die herausgehobene Stellung dieser natürlichen Eliten gründet nicht auf politischer Macht, sondern auf freiwilligem Respekt der Menschen, die in dem Fall auch immer Alternativen haben. Eine entpolitisierte und ohne staatliches Monopol ausgestattete, also natürlich entstehende und sich in Konkurrenz bewähren müssende Elite.
Ob dieses dann vor allem für die kulurelle und wissenschaftliche Elite gilt, oder eben auch für die Rechtssprechung wie im Hoppe-Land ist wieder die alte Frage zwischen Minarchisten und Privatrechtsanarchisten.

9:20 pm  
Blogger Dominik Hennig said...

Ein starker Essay, den ich vor wenigen Tagen im engl. Original schon begeistert verschlungen habe!

5:47 pm  

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