Sunday, October 02, 2005

Die Flat-Tax-Erfolgsstory Estlands

Seit Estland im Jahr 1994 eine Flat Tax auf das Einkommen von 26 % einführte und alle Ausnahmeregelungen kappte, ist die Inflation von 1000 % auf 2,5 % gesunken, die Arbeitslosigkeit von 30 % auf 6 %. Das Investitionsvolumen bleibt auf hohem Niveau. Und der Anteil der Staatseinnahmen am BIP ist praktisch gleichgeblieben (ca. 39 %), so daß Estland die Steuerquote auf 23 % senkte und in diesem Jahr auf 20 % senken will. (Unter der Überschrift "A Flat-Out Success" befindet sich der entsprechende Artikel hier.)

Daß Estland der Vorreiter für ganz Osteuropa in Sachen Flat Tax wurde, ist auf eine kuriose Mischung aus jugendlichem Feuereifer und segensreicher Unkenntnis zurückzuführen. Der damals 32-jährige Premierminister Mart Laar hatte nur ein Ökonomie-Buch gelesen: "Free to Choose" von Milton Friedman. Und er dachte, Flat Tax sei im Westen die völlig unumstrittene, überall gängige Besteuerungsform. Überzeugt von der bestechenden Logik der bestechenden Einfachheit des Friedman'schen Arguments ließ er sich dann in seinem jugendlichen Eifer weder von seinem Finanzminister noch von Internationalen Währungsfonds umstimmen - und nun wird Estland überall in Osteuropa kopiert und im Westen mit ungläubigem Neid beobachtet.

Im Westen kann man mit einer solchen Idee noch an der Demagogie anderer Scheitern, aber wenn die "Völkerwanderung des Kapitals" nach Osten so wie bisher weitergeht, wird in einigen Jahren jeder in Westeuropa der geistige Vater dieser Idee gewesen sein wollen, die dann gar nicht mehr schnell genug eingeführt werden kann.

Es gibt ein Argument gegen die Flat Tax (abgesehen von dem grundsätzlichen gegen Raub und Gewaltinitiierung): Nämlich dann, wenn es gleichzeitig eine relativ hohe Mehrwertsteuer gibt (in Estland 18 %). Denn eine solche Steuer ist alles andere als "flat", sondern degressiv. D.h., je niedriger das Einkommen, desto höher der Anteil daran, der für Steuern aufgebracht werden muß, nur um zu überleben. Und das ist in der Tat ungerecht (d.h., noch ungerechter als Besteuerung an sich schon ist). Als nächstes sollten die Flat-Tax-Länder daher an eine graduelle Abschaffung der MWSt nachdenken. Denn für einen Libertären sind knapp 40 % Staatsanteil an der Wirtschaft noch viiiiel zu hoch.

2 Comments:

Blogger Susan Hanson said...

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1:37 pm  
Blogger Jens-Olaf said...

Mart Laar war am Nationalfeiertag in Osnabrück. Treffen Erfahrungen Ost auf Erfahrungen West ist immer noch eine Kluft des Unwissens vorhanden. Missverständnisse vorprogrammiert. Die Sache Flat Tax wird zu abstrakt diskutiert.

11:52 am  

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