Tuesday, July 12, 2005

Tradition, Werte, Wertepluralismus

In einer Diskussion in der Freiheitsfabrik fragt jo@chim:
>>Wo grenzt Du Tradition von Werten ab, Robert ?
Wären z.B. die "bürgerliche Ehe" und die Ablehnung der Monogamie so ein "Wert" ?
Ist nicht - im Unterschied zu den Naturgesetzen - ein Wertepluralismus anzunehmen ?<<

Meine Antwort:

Sicher gibt es Wertepluralismus, genau wie es auch einen "Naturgesetzepluralismus" gibt. Der Unterschied zwischen den beiden ist die Unmittelbarkeit, mit der ein Glaube an das Richtige belohnt bzw. der Glaube an das Falsche bestraft wird. Wer an falsche Naturgesetze glaubt, wird i.d.R. sehr unmittelbar bestraft, weshalb dieser Glaube meist im Kindesalter verschwindet ("gebranntes Kind scheut das Feuer").

Der Glaube an falsche Werte hat auch negative Folgen, aber nicht notwendigerweise unmittelbar für den Gläubigen. Wer z.B. glaubt, das menschliche Leben sei kein absoluter Wert, den es zu bewahren gilt, wird möglicherweise selber sehr lange und in großem Luxus leben können. Aber in dem Fall handelt er nicht alleine in seinem Glauben, sondern in einem Umfeld von Unterstützern, zumindest aber Duldern. Und die werden mit großer Sicherheit von den negativen Folgen betroffen sein. Entweder, weil ihr Diktator sie oder ein Mitglied ihrer Familie oder des Freundeskreises umbringen läßt, oder weil sich Feinde von außen gegen dessen Expansionsgelüste wehren. (Wer töten läßt, wird normalerweise keine Skrupel gegen den Diebstahl fremden Eigentums haben.) Die Mitglieder dieser Gruppe drücken durch ihr Handeln (actions speak louder than words) ihren Glauben an den falschen Wert aus – und spüren die Folgen – oder ihre Kinder, oder die Kindeskinder. Manchmal, aber nicht immer, bekommt auch der Diktator die Folgen direkt zu spüren z.B. in Form kalten oder heißen Stahls zwischen den Rippen.

Genau wie der Mensch in der Lage ist, die richtigen Naturgesetze auszuarbeiten, ist er in der Lage, die richtigen (d.h., die allgemeine Lebensqualität verbessernden) Werte zu entdecken. Vielleicht ist die Entdeckung von Naturgesetzen deswegen meist bestimmten Individuen zuzuschreiben, weil sie so unmittelbar, direkt und individuell wirken. Die Entdeckung der richtigen Werte verläuft jedoch indirekter und "überindividuell" ab (nach Hayek ein Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlicher Planung), vielleicht weil ihre Wirkung (d.h., die Wirkung des Glaubens an sie) indirekter abläuft.

Monogamie oder Polygamie sind keine Werte, sondern Traditionen, sozusagen die Maschinen, mit denen bestimmte Werte erreicht werden sollen. Hierzu fallen mir ein: Sexuelle Befriedigung, Abwechselung im Alltag, Sicherheit im Alter (durch "Vater und Mutter ehrende" Kinder - Qualität zählt hier mindestens so viel wie Quantität), Wohlstand durch Arbeitsteilung im Haushalt, tiefe Freundschaft und Kameradschaft. Einige dieser Werte werden besser mit der ersten Maschine erreicht, andere durch die letztere. Einige Werte haben – im Hinblick auf ihre Fähigkeit, einen langfristigen, steigenden Wohlstand zu sichern, einen höheren Rang als andere. Welche das sind, und mit welchen "Maschinen" (Traditionen) diese am ehesten zu erreichen sind, hat sich über viele Generationen überindividuell herausgeschält.

Andere "Maschinen" (z.B. hohe Arbeitsteilung außerhalb des Haushalts) können die Funktion bestimmter Traditionen (z.B. hohe Arbeitsteilung innerhalb des Haushalts durch Polygamie) überflüssig machen. Auch von daher kann die Erstrebenswertigkeit einer Tradition sinken und somit die Tradition nahezu aussterben, außer natürlich (in diesem Fall) für diejenigen, denen kurzfristige sexeulle Befriedigung wichtiger ist als längerfristige Werte. Aber das wird wiederum negative Folgen, spätenstens für die Nachkommenschaft (oder die Nachbarschaft), haben.

Ein einzelnes Individuum kann zwar (auf jeden Fall nach libertären Grundsätzen), einzelne Werte ablehnen und danach leben. Im Gegenzug darf dann jeder, der, im Glauben an jene Werte, die Gefährlichkeit dieses Weges für sich, seine Familie, seine Nachkommen und seine Freunde erkennt (s.o., "Kollateralschäden"), den Kontakt und die Interaktion mit diesem Individuum vollständig abbrechen. Und natürlich auch möglichst viele andere davon überzeugen, das selbe zu tun.

Etwas anders sieht es mit Traditionen aus. Wenn sich eine Tradition entwickelt, die einen hochrangigen Wert besser zur Geltung kommen läßt, als bisherige Traditionen (oder einen niederrangigen Wert, ohne die Verwirklichung höherer Werte zu stören), wird sie übernommen, so wie am Markt sich eine Maschine durchsetzt, die eine bekannte Funktion besser durchführt oder eine neue, bislang unbekannte, aber dennoch nützliche einführt. Aber solche Traditionen werden kaum von einzelnen und planmäßig entwickelt, sondern überindividuell und eher zufällig. Genau deswegen ist die Gefahr natürlich groß, daß auch Traditionen übernommen werden, die das Gegenteil bewirken, eben weil die Folgen überindiviuell sind. Und dies ist die Ursache für viel Leid auf der Welt.

1 Comments:

Blogger antibuerokratieteam.de said...

Hallo Robert, ich hab das Diskussionsstöcklein weiter getragen zu Rayson
:)
lg, jo@chim

11:01 pm  

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